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Nix Gwiss woas man net: Gefährliches Wunschdenken bei der Geldanlage

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenige Dinge ärgern Menschen so wie der Abschied von lieb gewonnenen Umständen. „Wann wird es endlich wieder, wie es früher nie war?“ An die Verklärung der Vergangenheit knüpfen sich der Wunsch, es wieder so (kuschelig) zu haben wie „früher“, und die Suche nach einer Abkürzung zurück in die gute alte Zeit. Nostalgie – Wunschdenken – Irrweg. Dieses rückwärtsgewandte Denken ist ebenso verständlich wie dämlich und am Kapitalmarkt ausgesprochen teuer.

Konkret sieht das Muster so aus. Notalgie: „Früher war die Kapitalanlage einfach, da gab es noch 8,0 % am Festgeld.“ Wunschdenken: „Ich bin ja nicht gierig, wenn ich nur 3,0 % ohne Schwankungen bekommen könnte, wäre ich schon zufrieden.“ Irrweg: „Da muss es doch Experten geben, die das können …“ Dieses Denken beruht auf massiver Unkenntnis und ersetzt Fakten durch Wünsche.

Nostalgie bezüglich höherer Zinsen ist ziemlich unangebracht: Wenn eine Anlage keine Risiken beinhaltet, erhält der Anleger auch keine Risikoprämie (Zusatzrendite). Negative Realzinsen, also ein Kaufkraftverlust nach Inflation, Kosten und Steuern, sind also bei risikolosen Anlagen etwas ganz Normales und über lange historische Zeiträume in gut der Hälfte aller Jahre zu beobachten. 1975 lag der durchschnittlicher Sparzins bei 4,4 %, die Inflation bei 5,9 % und der Spitzensteuersatz bei 56 %. Der Anleger hatte nach Steuern fast 4,0 % (4,4 % - 2,46 % Steuer - 5,9 % Inflation) Kaufkraftverlust. Gute alte Zeit sieht anders aus, zumal eine kostengünstige, breit gestreute Investition in Aktien nur einer kleinen gesellschaftlichen Elite zugänglich war.

Naturgemäß hilft auch Wunschdenken nicht weiter: Wenn der risikolose Zins null beträgt, sind 3,0 % relativ viel. Langfristig kann man bei einer Anlage in Aktien von einem Erwartungswert von knapp 7,0 % über dem risikolosen Zins ausgehen. Entsprechend sind für eine Rendite von 3,0 % rechnerisch mindestens 40 % in Aktien nötig – unterstellt, der Rest des Portfolios erwirtschaftet nichts. Da sich auch breit gestreute Aktieninvestitionen nach einer Faustregel in Krisensituationen halbieren können, heißt das: Wer 3,0 % erwirtschaften will, muss notfalls (temporäre) Rückschläge von 20 % in seinem Vermögen ertragen. Hätten wir auch gern anders, ist aber so.

Der Versuch, sich alternative Fakten zu suchen, ist ein kostspieliger Irrweg: Es ist absolut verständlich, dass die Finanzindustrie auf die riesige Nachfrage nach schwankungsfreier Rendite reagiert und das Märchen bedient, dass es da draußen irgendwelche Menschen geben muss, die durch überlegenes Wissen aus Geld Geld machen können. Sehr beliebt ist dabei auch, ein Bündel verschiedener Strategien unter einem Dach anzubieten.

Nachdem Hedgefonds (zu Recht) irgendwie gefährlich klingen, kriegt das Kind erst mal einen netteren Namen: alternativ (auch gern Englisch ausgesprochen), marktneutral, seitwärts, Know-how, Wissen … Was sich dahinter verbirgt, sind weitgehend intransparente Produkte, denn – so argumentiert die Branche – wenn wir verraten würden, wie es geht, würde es ja jeder nachmachen. Statt Fakten bekommt der Anleger eine plausible Geschichte: Chancen an Immobilienmärkten, Arbitragegeschäfte, Prämien von Katastrophenanleihen, die sich besonders dann lohnen, wenn die Hurrikan-Season nicht so arg ausfällt ‒ der Fantasie beim Erzählen sind keine Grenzen gesetzt. Eigentümerstrukturen, Fremdkapitalquoten, Währungsrisiken, mangelnde Liquidität, Prozessrisiken, die meist hochkomplexe Struktur der um die Produkte „gestrickten“ Mäntel, kennen auch die Berater selten.

Während der Anleger (und der Berater) keine Ahnung hat, in was er investiert und wie hoch die Risiken wirklich sind, erweisen sich die Kosten der entsprechenden Produkte als erstaunlich. Kosten, die nur durch das Eingehen deutlich erhöhter Risiken wieder erwirtschaftet werden können. Two and twenty ‒ also 2,0 % Fixgebühr, 20 % Erfolgsbeteiligung ‒ sind nach wie vor üblich, wobei Bankvertrieb und Produkthersteller häufig halbe-halbe machen.
Aber nicht nur (versteckte) Zuwendungen dienen als Quelle für gefährliche Interessenkonflikte: Seilschaften, Spezlwirtschaft, Einflussnahme von Anteilseignern oder guten Kunden des Investmentbankings sind – so erfährt man hinter vorgehaltener Hand – durchaus üblich. Man schätzt sich, und man hilft sich. Ein problematisches eigenes Projekt wird an einen größeren Fonds (den man am besten selber managt) verkauft, der dann in der Hedgefonds-Strategie der befreundeten Bank landet – wenn er nicht schon vorher drin war. Das ist oft besser und lukrativer als ein Kickback ‒ allerdings natürlich nicht für den Anleger.

Die Aufgabe eines guten Honorarberaters besteht darin, seine Mandanten vor solchem finanziellen Giftmüll zu bewahren und nicht seinem Wunsch nach der Quadratur des Kreises nachzugeben. Es ist weitaus besser, rationale und transparente Risiken am Aktienmarkt einzugehen und unangenehme Wahrheiten zu ertragen, als sich eine Katze im Sack zu kaufen.

Liebe Grüße

Nikolaus Braun

Rückfragen, Kritik oder Anmerkungen schicken Sie gerne an 49@neunundvierzig.com

20/07/2018

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