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Warum wir Hoffnung gegen Statistik tauschen

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie es ein befreundeter Vermögensverwalter einmal mit beißendem Spott auf den Punkt gebracht hat: „Es gibt weltweit rund 15.000 investierbare Aktien und weltweit rund 30.000 Fonds – und die kaufen alle unterbewertete Qualitätsaktien. Ich habe noch keinen getroffen, der überbewerteten Schrott kauft.“ Nachdem nun nicht irgendwo Berge an herrenlosen Schrottaktien herumliegen, scheint der Plan, nur unterbewertete Qualitätsaktien zu kaufen, zumindest für die Summe der Fondsmanager nicht aufzugehen. Die Erfolgsquote für das sogenannte aktive Fondsmanagement, also den Versuch, anhand von Prognosen und Analysen die richtigen Werte zu kaufen, ist dementsprechend auch deprimierend.

Zunächst spricht erst mal nackte Statistik gegen den Erfolg dieses Ansatzes. Modellhaft angenommen, lassen sich am Kapitalmarkt mit Aktien dauerhaft im Schnitt 7,0 % mehr als der risikolose Zins verdienen. Entsprechend wird am Ende eines Jahres eine Hälfte der Manager diesen Schnitt von oben, die andere von unten bilden. Wenn die Lateinschulaufgabe der Klasse 8a des Maximiliangymnasiums im Schnitt mit 3,5 ausgefallen ist und es vier Einser und acht Zweier gab, dann können die restlichen Schüler der Klasse nicht alle eine Drei haben. So gibt es eben auch bei den Fondsmanagern am Ende des Jahres jede Menge Fünfer und Sechser. Und manch einer wird nicht versetzt und sein Fonds wegen Erfolglosigkeit geschlossen.

Anders als die Schüler der Klasse 8a haben Fondsmanager allerdings zwei bösartige zusätzliche Probleme, wenn sie den Schnitt schlagen wollen.
Erstens: Kosten. Das Research muss bezahlt werden, die angestellten Manager bekommen hohe Boni, Marketingkampagnen werden finanziert usw. Und am Ende will man ja auch noch anständig Geld verdienen – „anständig“ im Sinne von viel und „man“ im Sinne von die Fondsgesellschaft. Damit steht die Uhr bei den meisten Fondsmanagern am Anfang des Jahres schon mal bei ca. minus 2,0 %. Diese Manager müssen also nicht 7,0 %, sondern 9,0 % pro Jahr erwirtschaften, nur um den Durchschnitt zu erreichen. Mit diesem Problem gehen Fondsmanager unterschiedlich um: Die einen ergeben sich und investieren im Großen und Ganzen wie der Gesamtmarkt, die anderen drehen an der Risikoschraube, häufig zusätzlich motiviert durch im Fondsprospekt versteckte Erfolgsbeteiligungen.

Zweitens: Es nützt dem Fondsmanager nichts, wenn er bis nachts büffelt, zur Nachhilfe geht, Konzentrationsübungen macht oder versucht, den Lehrer zu bequatschen. Manager unterteilen sich in Sieger und Verlierer nicht entlang ihres Könnens, sondern durch reinen Zufall. Kapitalmärkte werden durch so viele Mitspieler beobachtet, dass es für einen einzelnen Spieler fast unmöglich ist, einen relevanten Informationsvorsprung zu bekommen (von illegalem Insiderwissen einmal abgesehen). Mit den Worten eines Fondsmanagers, mit dem ich mich vor ein paar Jahren einmal getroffen habe: „Da ruft mich der Kunde an und fragt mich, was ich von der Siemens halte. Mmh, ich weiß es nicht, er weiß es nicht ‒ jetzt sind wir schon zwei.“ (Nur schade, dass der Herr seine eigene Ratlosigkeit zwar mit mir, aber nicht mit dem Kunden teilt.)

Diese sogenannte Effizienzmarkt-Hypothese, nach der alle relevanten Informationen innerhalb kürzester Zeit in den Kursen enthalten sind und für die Eugen Fama 2013 den Wirtschaftsnobelpreis bekam, ist seit den Achtzigerjahren bekannt und wird letztlich nicht ernsthaft infrage gestellt. Dass durch die schiere Menge der Fondsmanager auch nach zehn Jahren einzelne Fonds weit überdurchschnittlich abschneiden müssen und dass ebendiese Manager mit breit geschwellter Brust die überzeugendsten Geschichten erzählen können, ändert nichts an diesem „dreckigen Geheimnis der Fondsindustrie“. Geschichten von Managern mit dem goldenen Näschen, Händchen, gehören also schlicht ins Reich der Märchen. So werden auch mit großer Regelmäßigkeit die glänzenden Namen der Vergangenheit durchgereicht: Kaldemorgen, Jens Ehrhardt, Carmignac, Ethna ...

Verantwortungsvoll mit dem Vermögen und damit den potenziellen Gestaltungsmöglichkeiten seines Kunden umzugehen, kann nicht heißen, per Zufall den richtigen Manager zu finden oder selber mit dem Geld des Kunden zu daddeln. Soll mein Mandant seiner Tochter erklären, dass sie jetzt doch nicht in den USA studieren kann, weil sich der Kapitalmarkt nicht an meine brillante Analyse gehalten hat? Verantwortung muss heißen, die am Kapitalmarkt verfügbaren Renditen so effizient und risikoreduziert wie möglich zu vereinnahmen. Dazu braucht man kein Näschen und kein Superhirn, sondern viel Demut, Know-how und Disziplin.

Liebe Grüße

Nikolaus Braun

20/09/2018

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