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Defensive Anlagestrategien

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass gierige Investoren ihr Vermögen zerlegen, scheint irgendwie logisch – mit etwas klassischer Bildung fast gerecht: Gier > Hybris > Nemesis. Die göttliche Strafe bringt die Dinge wieder ins Lot. Die Anleger, die ich kennenlerne, sind allerdings selten so (dumm).

Häufiger beobachte ich bei der Finanzplanung das Gegenteil: Dass ängstliche Investoren beim Versuch, sich vor Horrorszenarien zu schützen, ihr Vermögen beschädigen. Das klingt erst mal unlogisch – fast ungerecht ‒, funktioniert aber tadellos.

2009: „Nie mehr Aktien“ ‒ und mit Immobilienfonds in die Zwangsabwicklung geraten.
2010/2011: „Strom brauchen die Leute immer“ ‒ und mit Stromkonzernen und ihren großartigen Dividenden in den Atomausstieg stolpern.
2012: Sein Portfolio auf eine drohende Inflation ausrichten und dabei sein Vermögen – dank ausgewiesener Finanzexperten ‒ in vier hervorragenden Kapitalmarktjahren gepflegt halbieren.

Überhaupt die Inflation: Während die Angst vor einer Hyperinflation wie 1923 den Deutschen fast in den DNA-Code gebrannt ist, wird die „normale“ Geldentwertung standhaft ignoriert. Und so ist die Lieblings-Defensivstrategie überhaupt keine Strategie, sondern ein schlichtes: „Jetzt grad nicht.“

Weil es jetzt gerade besonders unsicher sei, wird erst mal abgewartet: die nächste Wahl in Griechenland, Italien, Deutschland, Großbritannien, USA, die nächste Sitzung der EU-Kommission, der EZB, der FED, die nächste Brexit-Abstimmung, die nächste Verhandlungsrunde im Handelskrieg zwischen USA und China oder auch das nächste Länderspiel der U21.

„Prinzipiell will ich ja schon investieren, aber im Moment sind die Kurse a) so stark gelaufen oder b) so stark unter Druck, da warte ich noch ein bisschen, bis es wieder anders wird.“ Und dabei verlieren 1 Millionen Euro bei heutiger Inflation von konservativ 1,5 % innerhalb von fünf Jahren 72.784,- € und innerhalb von zehn Jahren 140.270,- € an Kaufkraft. Automatisch, schleichend und völlig risikolos.

Rendite ist ein anderes Wort für Risikoprämie. Rendite gibt es nicht dafür, besonders schlau sein zu wollen, sondern dafür, Risiken zu ertragen. Zum Investieren gehört daher ein gewisser Grad an Tapferkeit und Gelassenheit ‒ Rendite ist Schmerzensgeld. Defensive Strategien erweisen sich daher meist als Unsinn. Sie führen wie beim gierigen Anleger zu Monokulturen, sind häufig Wetten auf Szenarien, zerren an den Nerven, verleiten zur Untätigkeit und beschädigen so Ihr Vermögen.

Den Ängstlichen ereilt wie den Gierigen die göttliche Rache für seinen Hochmut: Angst > Hybris > Nemesis.

Sehen Sie das auch so? Was sind Ihre Erfahrungen? Haben Sie Diskussions- oder Gesprächsbedarf? Schreiben Sie mir gerne unter 49@neunundvierzig.com.

Liebe Grüße

Ihr Nikolaus Braun

28/07/2019

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