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Das internationale Journal für Vogelflugdeutung sieht den DAX Ende 2019 bei …

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

alle Jahre wieder pflegen viele deutsche Banken den sinnbefreiten Brauch, tief in die Kristallkugel zu blicken und einen im internationalen Kontext eher irrelevanten Index ‒ den DAX ‒ zum Jahresende zu prognostizieren (siehe: DAX-Prognosen 2012‒2018).

Ein guter DAX-Prognostiker können Sie ohne größere Mühe selbst werden: Sie machen es wie Ihre geistigen Ahnen, die Vogelflugdeuter, Eingeweideleser oder die im Dauerrausch benebelnder Dämpfe vor sich hin brabbelnde delphische Pythia: Sie vollziehen exakte Riten – natürlich in der richtigen Reihenfolge (oft getarnt als „Analyse“ von Zahlen) ‒, nutzen magische und für den nicht Eingeweihten unverständliche Code-Wörter (etwa: Widerstandslinien, Handelshemmnisse) und bedienen sich einer nebulösen, manchmal animistischen Metaphorik (z.B.: Sorgenwolken, Lustlosigkeit, Störfeuer, Wetterlage). Dazu kommen dann ein entsprechendes Priestergewand (Anzug/Kostüm), eine staatstragende Mimik und Gestik und vor allem ein Vertrauen auf das schwache Gedächtnis Ihres Publikums. Keinesfalls sollten Sie jedoch ein Schaf opfern, das kommt einfach nicht mehr gut an.

Bei allem Spaß, den das alles bereitet ‒ eines werden Sie und Ihre Kollegen nicht herausbekommen: wo der DAX Ende des Jahres liegt. So lag 2018 bei den DAX-Prognosen die beste von 31 Banken „nur“ um 16 % daneben, der Schnitt aller Banken lag bei 32 % Abweichung. Egal, welches Jahr man sich anschaut, in der Summe sieht es im Grunde immer so aus.
 
Intuitiv werden Sie sagen, dass der Erkenntnisgewinn aus dieser Übung daher an null grenzt – doch weit gefehlt. Aus einer Analyse der DAX-Prognosen lässt sich eine ganze Menge lernen.
 

  1. Viele Banken halten den Normalbürger offenbar für so minderbemittelt, dass sie den Unsinn jedes Jahr veröffentlichen.
  2. Es gibt keine Schwarmintelligenz – auch die Durchschnittswerte sind desaströs.
  3. Im Regelfall tippen Banken eine Jahresperformance von 5–10 %. Bewegt sich der Markt einmal zufällig in dieser Region, gibt es vermehrt gute Ergebnisse.
  4. Massive Abweichung sind die Regel, nicht die Ausnahme.
  5. Optimismus ist Pflicht. Von insgesamt 31 Tipps 2018 gab es nur eine negative Tendenz: Wer schlechte Stimmung verbreitet, verkauft keine Fonds oder Zertifikate.

Bleibt die interessante Erkenntnis, dass der Kapitalmarkt in unserer Gesellschaft offenbar die Rolle der antiken Götter übernommen hat: unberechenbar, kaum zu verstehen, manchmal rachsüchtig und nur durch eingeweihte Priester dem Volk vermittelbar.
 
Fazit: Prognosegestütztes Investieren ist nicht nur unsinnig, es ist fahrlässig und verantwortungslos. Ebenso gut könnten Sie einen Berater für das Lottospielen verpflichten. Ein seriöser Honorarberater muss sich primär um die finanzielle Lebensplanung des Mandanten und für ihn geeignete Vermögensstrukturen kümmern. Und soweit es Prognosen betrifft, erlaube ich mir, Wittgenstein zu zitieren: „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Sehen Sie das auch so? Liege ich daneben? Haben Sie Diskussions- oder Gesprächsbedarf? Wo sehen Sie den DAX Ende 2019? Die unsinnigste Begründung belohnen wir mit einer Einladung in ein Restaurant Ihrer Wahl. Schreiben Sie mir gerne unter 49@neunundvierzig.com.

15/01/2019

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