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Hände weg von Sofortrenten

von Prof. Hartmut Walz (Gastbeitrag)

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Professor für Finanzdienstleistungen und unabhängiger Fachautor und Finanzexperte werde ich aktuell fast täglich von Menschen kontaktiert, die für den Ruhestand vorgesorgt haben und sich nun auf die wohlverdiente „Erntephase“ vorbereiten. Meist geht es darum, einen angesparten Vermögensbetrag – oft auch die erhaltene Ablaufleistung einer kapitalbildenden Lebensversicherung oder einer Rentenversicherung – in eine private Zusatzrente umzuwandeln. Beginnt diese Rente unmittelbar nach der Einzahlung an die Versicherung, so wird sie „Sofortrente“ genannt. Aktuell sind rund ein Viertel aller Beitragseinnahmen deutscher Versicherer durch Sofortrenten bedingt – wir reden also über ein sehr häufig genutztes Produkt.

Die Sofortrente ist eine kühne Wette auf ein langes Leben. 
Und zwar auf ein sehr, sehr langes Leben! Gehen Sie davon aus, dass Sie im Regelfall älter als 101 Jahre werden müssen, um das Spiel gegen die Versicherung zu gewinnen.

Kurze Liste der Vorteile:
Der Vorteil der Sofortrente besteht darin, dass diese lebenslang bezahlt wird, also das sogenannte Langlebigkeitsrisiko abdeckt. Es kann daher nicht passieren, dass am Ende des Geldes noch Leben übrig ist, d. h. der oder die steinalt werdende Versicherte plötzlich ohne die Zusatzrente dasteht. Doch damit ist die Vorteilsseite schon abgearbeitet – sie ist ziemlich kurz, während die Seite der Nachteile recht lang wird …

Lange Liste der Nachteile:
Auf der Nachteilsliste steht zunächst einmal die überraschend geringe Rentenhöhe: Natürlich ist eine pauschale Angabe nicht möglich, aber bei allen von mir geprüften Angeboten ist die Rentenhöhe enttäuschend niedrig. Bei manchen Angeboten war sie sogar so gering, dass ich alleine aus dem Ertrag des angelegten Kapitals einen höheren Entnahmebetrag erwarten würde.

Konkret: Bei der Sofortrente handelt es sich um eine Rente mit Kapitalverzehr, d. h., neben der „mageren“ Verzinsung des Kapitals wird das eingebrachte Kapital sukzessive als Rentenzahlung wieder an den Versicherten zurückgezahlt. Sobald dieser verstirbt, fällt das Restkapital dem Versicherer zu, der damit (zum geringen Teil) die Renten an extrem lang lebende Kunden bezahlt und (zum größeren Teil) seine hohen Kosten deckt und die sogenannten Sterblichkeitsgewinne realisiert.

Ebenfalls nachteilig ist, dass die Rentenzahlung konstant ist, d. h., dass ihr realer Wert von Jahr zu Jahr abnimmt. Zwar gibt es bei einigen Anbietern die Option, eine jährlich anwachsende Sofortrente zu erwerben, mit der die Inflation (zumindest teilweise) ausgeglichen werden kann. Dies geschieht jedoch um den Preis einer noch geringeren Anfangsrente – die Abschläge sind erheblich und treiben einem die Tränen in die Augen. Flexibel ist die Sofortrente auch nicht: Einmal abgeschlossen, ist sie de facto nicht künd- oder rückabwickelbar. Sonst könnten ja Menschen mit verschlechtertem Gesundheitszustand aus dem Vertrag hinaus und damit die Sterblichkeitsgewinne gefährden ‒ Sie verstehen schon.

Und schließlich erlaubt die Verbindung von Geldanlage mit der Übernahme des „Risikos“, dass Sie überdurchschnittlich alt werden, ein herrlich intransparentes Gesamtkonstrukt mit vielen nicht erkennbaren Kostenarten. Das Gesamtvolumen dieser Kosten muss weder angegeben noch kann es irgendwie nachvollzogen werden. Denn die bei oberflächlicher Recherche vorfindbare Garantieverzinsung von 0,9 % oder Gesamtverzinsungen von bis zu 3,1 % sind natürlich nur vor Kosten gültig und taugen als Orientierung weniger, als dies früher die Herstellerangaben zu Benzinverbrauch oder Schadstoffen bei Kfz taten.

Kurzum: Ratsuchenden, deren Gesamtvermögen und Altersversorgung nicht ganz „auf Kante“ genäht ist, empfehle ich, ihre Zusatzrente lieber aus den Erträgen einer weit gestreuten Kapitalanlage (z. B. kostengünstige ETFs oder Assetklassenfonds) zu erzeugen, anstelle es als Wetteinsatz auf ein langes Leben an die Versicherungsgesellschaft zu geben. Ist ein allmähliches Aufbrauchen des Vermögens erforderlich, so sollte der Finanzbedarf der jeweils nächsten paar – sagen wir z. B. fünf ‒ Jahre in Anlageformen ohne Kursrisiken (z. B. ein Geldmarktkonto) umgeschichtet werden, um nicht gerade in einer ausgedehnten Baisse-Phase entnehmen zu müssen. Wer so verfährt, hat verantwortungsvoll vorgesorgt und darf frohgemut in die Zukunft schauen.

Abschließende Empfehlung:
Ich selbst fühle mich erheblich besser bei dem Gedanken, mein Restvermögen netten Erben oder einem guten Zweck zukommen zu lassen, als zu den Sterblichkeitsgewinnen von Versicherungsgesellschaften beizutragen. Und all die Risiken, die sich aus dem Abschluss eines langjährigen Versorgungsvertrages mit einem Versicherer ergeben, bin ich auch los: Insolvenz des Versicherers, Veränderungen von Vertragsinhalten, Verkauf des Gesamtbestandes durch den Versicherer an eine Abwicklungsgesellschaft – (vgl. meinen Blogbeitrag: „Die große Lebensverunsicherung“].

Liebe Grüße

Hartmut Walz

Rückfragen, Kritik oder Anmerkungen schicken Sie gerne an 49@neunundvierzig.com
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Prof. Dr. Hartmut Walz ist ein führender Verhaltensökonom und Entscheidungsexperte. Als Professor, Redner und Autor erklärt er, wie wir (noch) besser entscheiden. Dies tut er anschaulich, in leicht verständlichen Bildern, mit Aha-Effekt und Augenzwinkern. Walz ist Autor zahlreicher Fachartikel, der HAUFE-Bücher „Einfach genial entscheiden“ und „Einfach genial entscheiden in Geld- und Finanzfragen“ sowie des Hartmut Walz Finanzblogs.

Mehr über den Autor unter:
hartmutwalz.de
schliesslich-ist-es-ihr-geld.de

22/11/2018

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