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Retten Sie Ihr Vermögen! Jetzt kommt der Crash-Prophet! Teil II: Fakten-Check

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein Blick auf die Bestseller-Listen für Finanzbücher ist deprimierend: Max Otte, Weick & Friedrich, Markus Krall, Dirk Müller. Crash, Untergang, Zusammenbruch – schon 2020 (Krall), spätestens 2023 (Weick & Friedrich). Ähnliche Thesen finden ihren Weg in Talkshows, auf die Titelseite der Bildzeitung, und selbst (sonst) vernünftige Freunde fragen mich, wann der große Crash kommt. Grund genug, dem Thema eine kleine Reihe zu widmen.

Heute steht Teil II, der Fakten-Check, an. Pars pro toto, schauen wir uns dabei einmal die Thesen der momentanen Popstars des Untergangs an: Weick & Friedrich.

These 1: Die Krisenverursacher sind die Krisengewinner ‒ eine These, bei der sich die beiden primär auf „die Banken“ beziehen. Fakt: Wohl kaum eine Branche ist in Europa seit 2008 so unter die Räder gekommen wie die der Banken. Die Kursentwicklung von Commerzbank und Deutscher Bank ‒ ein Desaster. Fintechs, Nullzins und (Über-)Regulierung stellen für Banken inzwischen eine existenzielle Bedrohung dar. Die einst mächtige Banken-Lobby hat – Gott sei Dank – längst nicht mehr den Einfluss, den sie mal hatte. Gewinner zu sein, sieht anders aus.

These 2: Deutschland, aber auch viele „Zombie-Unternehmen“ haben völlig aus dem Ruder gelaufene Schulden. Der Nullzins hält sie künstlich am Leben. Fakt: Deutschlands Staatsverschuldung wird 2019 voraussichtlich 58,8 % des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, so wenig wie zuletzt 1997. 2010 nach der Finanzkrise waren es schon einmal 82,4 %. Auch in absoluten Zahlen zahlt Deutschland Schulden zurück. Deutsche Staatsanleihen gelten als so sicher, dass Deutschland Negativzinsen durchsetzen kann. Das ist keine große Verschwörung, sondern simpel ein Marktpreis von Investoren, die sehr, sehr viel Geld anzulegen haben. Dadurch sind auch die Verpflichtungen aus dem Schuldendienst dramatisch gesunken. Sollte es einmal ganz dick kommen: Deutschland hat eine funktionierende Steueradministration. Dann nutzt der Staat sein Steuermonopol. Punkt.

Auch die These von den Zombie-Unternehmen ist umstritten. Es stimmt zwar, dass seit den Achtzigerjahren die Zahl der Unternehmen, die drei Jahre in Folge Verlust gemacht haben, von 2 % auf 12 % gestiegen ist. Diese Zahl ist aber seit 2013 rückläufig und bezieht sich ohnehin nur auf börsennotierte Unternehmen in Deutschland. Sie erfasst also überhaupt nur 0,5 % der deutschen Unternehmen. Schaut man etwa auf die Daten des KfW Mittelstandspanels, so sieht das Bild anders aus: Im Schnitt ist die Umsatzrendite seit 2012 von 6,0 % auf 7,4 % gestiegen, die Eigenkapitalquote hat sich von 27,4 % auf 31,2 % verbessert, und die Zahl der Unternehmen mit Jahresverlust verringerte sich von 11 % auf 9 %.

These 3: Sachwerte können Ihr Vermögen schützen. Fakt: Hier beginnt der Produktverkauf, für Friedrich & Weicks Sachwerte-Fonds. Sachwerte, insbesondere Whiskey, Ackerland, Wald, Diamanten, aber auch Gold sind letztlich reine Preisspekulationen und zum großen Teil nur mit immensen Kosten in Kapitalmarktprodukten abbildbar. Auch die von Friedrich & Weick empfohlenen Minenaktien sind hochspekualtive Investitionen. Stand heute ist der Fonds zu großen Teilen eine Wette auf diese Minenaktien und auf den Goldpreis. Glück auf.

These 4: Der Crash ist die Lösung. Fakt: In der freien Marktwirtschaft sind Rückschläge und Anpassungskrisen etwas ganz Normales. Die Idee des „größten Crashs aller Zeiten“, der als Purgatorium die korrupten Eliten hinwegfegt, entstammt, wie ich im ersten Teil gezeigt habe, eher einer rhetorischen Konvention politischer Bauernfänger. Aussagen wie: „Wir erleben seit 2008 einen Paradigmenwechsel, eine historische Zeitenwende und zwar die größte seit 100 Jahren“, sind durch nichts gestützt. Für mich als Historiker ist das unerträglich. Was genau war 1914, 1933, 1945 oder 1989? Wer so etwas schreibt, hat von Geschichte, Politik und Wirtschaft schlicht keinerlei Ahnung.

These 5: Nach dem Crash wartet eine neue Weltordnung. Fakt: Die These entspricht weitgehend der Fantasie. Rationale Gründe werden nicht genannt. Sie speist sich aus eschatologischen Konventionen: Das Paradies nach der Apokalypse, die kommunistische Urgesellschaft oder bei Weick & Friedrich die Wunschvorstellung des kulturpessimistischen Spieß- und Wutbürgers: Eine Welt, in der Kinder nicht mehr dauernd ins Handy schauen, Menschen anständig auf der Straße grüßen und in der nationale und regionale Identität erhalten bleiben. Es wird ein rückwärtsgewandtes Idyll der Fünfziger propagiert, mit Werten, gegen die zum Teil vor der Hand nichts einzuwenden wäre, wenn da nicht dieser fiese illiberale Beigeschmack wäre.

Unterm Strich wird klar, weshalb die Thesen von Crash-Propheten von der Fachwelt nicht ernst genommen werden. Es liegt nicht an einer Verschwörung des Establishments, sondern daran, dass die Autoren meist sehr viel Meinung für sehr wenig Ahnung haben. Die akademischen Meriten halten sich meist in sehr eng definierten Grenzen. Die Bücher von Dirk Müller, Markus Krall sowie Weick & Friedrich sind Bücher von Laien für Laien. Sie stehen außerhalb eines geregelten wissenschaftlichen Diskurses und sollten deshalb ‒ wie Zigarettenschachteln ‒ deutlich bebilderte Warnhinweise tragen.

Das alles glauben Sie nicht? Oder Sie sehen es genauso? Haben Sie Diskussions- oder Gesprächsbedarf? Schreiben Sie mir gerne unter E‑Mail: 49@neunundvierzig.com.

Liebe Grüße

Nikolaus Braun
Neunundvierzig Honorarberatung

Schon mal vormerken: Da unser Workshop am 10. Februar 2020 bereits ausgebucht ist, machen wir am 17. Februar 2020 eine weitere Veranstaltung mit Dr. Andreas Beck zum Thema „Vorsicht, Crash-Prophet“. Wenn Sie Interesse haben, setzen wir Sie bei der Einladung auf die Liste unserer präferierten Gäste. Schreiben Sie uns dazu einfach formlos an E-Mail: 49@neunundvierzig.com. Wenn Sie schon für den 10. Februar zugesagt haben, sind Sie natürlich fest gebucht.

04/01/2020

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