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Krise - bist du deppad?

von Dr. Nikolaus Braun

Sehr geehrte Damen und Herren,

als meine Oma Alice 1914 in die Schule kam, hing über dem Eingang ein großes Banner: „Gott strafe England!“ Von da an hieß Alice Anneliese. Ihre Lebenserwartung war 49 Jahre. Erster Weltkrieg, Revolution, Hyperinflation, Dutzende Regierungskrisen, Straßenschlachten, politische Morde, Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit. Wollten Sie mit ihr tauschen?

Als mein Vater Oswald 1943 in die Schule kam, bekam seine Mutter Irma Polio. Zwei Jahre später packte Irma meinen Vater und seine drei Brüder und floh mit einem Leiterwagen, mehr humpelnd als gehend, vor der Roten Armee. Zerbombte Städte, nicht immer genug Essen, ein geteiltes, zu Recht geächtetes Land und ein Vater, der nach sechs Jahren Kriegsgefangenschaft als Fremder nach Hause kam ‒ was für eine, Entschuldigung, beschissene Zeit für eine Kindheit.

Als ich 1976 eingeschult wurde, hatte Deutschland über 20 Jahre Wirtschaftswunder hinter sich, war Teil eines zusammenwachsenden Europas und eine stabile Demokratie. Auch vor der Kinderlähmung mussten wir uns dank Impfung nicht mehr fürchten, und im Sommer fuhren wir wie so viele ans Mittelmeer. Was für eine großartige Zeit, um groß zu werden. Und dennoch: Linksterrorismus, ETA, IRA, der Rhein eine tote Brühe, Ölkrise und hohe Inflationsraten, die Welt (gefühlt) am Rand eines Atomkrieges und Deutschland das dafür vorgesehene Schlachtfeld für einen Panzerkrieg. Auch darüber hinaus war die Welt geteilt. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebte in absoluter Armut, in Ländern wie Indien etwa war die Lebenserwartung mit 52 Jahren so niedrig wie heute nur noch in der Zentralafrikanischen Republik.

Als meine Tochter 2014 eingeschult wurde, war die Lebenserwartung in Deutschland fast doppelt so hoch wie 100 Jahre zuvor zu Zeiten ihrer Urgroßmutter Alice. Sie wird in einem Land groß, in der jeder Einwohner des Landes mehr Zugang zu Information hat als die Privilegiertesten zur Zeit der Einschulung ihres Großvaters, in einer Welt, in der seit der Einschulung ihres Vaters fast ein gesamter Kontinent – Asien – den Sprung aus der absoluten Armut geschafft hat. Wäre es schöner für Sie gewesen, in der „guten alten Zeit“ groß zu werden?

Freie Marktwirtschaft, soziale Verantwortung und menschlicher Erfindungsgeist haben zu einem nie da gewesenen Wohlstand geführt. Ja, die Welt steht vor sehr großen Herausforderungen, ja, es gibt eine faire Chance, dass die Menschheit noch alles vermasselt. Aber zu behaupten, es würde alles schlechter oder es sei noch nie so schwer gewesen, ist nicht nur dumm, es ist undankbar, unanständig und obszön. Nostalgie beruht primär auf einem schlechten Gedächtnis.

Seine Lebensplanung – auch seine finanzielle – an Verschwörungstheorien und Untergangsszenarien zu orientieren, ist nicht nur freudlos – es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch und kann potenziell richtig teuer werden.

Glauben Sie nicht? Sehen Sie das auch so? Dann investieren Sie noch mal zehn Minuten und machen Sie mit bei der Welt-Unwissenheits-Umfrage der Gapminder Stiftung. Gerne schreiben Sie mir auch unter 49@neunundvierzig.com.

Liebe Grüße

Nikolaus Braun

22/09/2019

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