von Dr. Nikolaus Braun
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wissen Sie, was ein Pedoskop ist? Ein Pedoskop ist – beziehungsweise war – ein Röntgengerät, das Menschen beim Schuhkauf dabei half, die richtige Schuhgröße zu bestimmen. Gerade beim Verkauf von Kinderschuhen war das eine mittlere Sensation: Durch drei Okulare konnten Eltern, Kind und Verkäufer gleichzeitig überprüfen, ob der Schuh auch wirklich passte. Als diese Praxis 1973 auch in Deutschland verboten wurde, war ich noch so jung, dass ich (leider) keine aktive Erinnerung mehr an diese rückblickend irrsinnigen Geräte habe.
Pedoskop, Gurtpflicht und Rauchverbot
Ich erinnere mich hingegen gut daran, wie 1976 in Deutschland die Gurtpflicht eingeführt wurde. Ich weiß noch, wie ich damals mit meinen Freunden Andreas und Katrin auf der Rückbank im Audi von Andreasʼ Vater saß – natürlich unangeschnallt, Gurte gab es ja hinten gar nicht. Vorne entrüstete sich Andreasʼ Vater über die unsinnige Regelung. Wie solle man bei einem Unfall dann noch aus dem Auto kommen? Und überhaupt könne er sich bei einem Crash ja ohne Weiteres am Lenkrad abstützen. Ein Segen für ihn, dass sich der Staat erst acht Jahre später entschied, die Gurtpflicht auch mit Bußgeldern durchzusetzen.
Dass Andreasʼ Vater während der ganzen Fahrt Kette rauchte, wird nur die jüngeren Leser wundern. Ich selbst weiß dagegen noch gut, dass wir noch rund zwanzig Jahre später einen großen Bogen um eine unserer ehemaligen Lieblingskneipen machten – dort hatte man doch glatt einen Nichtraucherbereich eingeführt. Die Folge: null Stimmung. Ein generelleres Rauchverbot in der Gastronomie, wie es 2008 eingeführt wurde, war damals schlicht unvorstellbar.
Wenn ich heute meinen Kindern erkläre, dass Homosexualität in Deutschland erst 1994 endgültig entkriminalisiert wurde und dass es in meiner Schulzeit für Klassenkameraden undenkbar gewesen wäre, sich zu outen, sehe ich in ihren Augen – völlig zu Recht – nur Unverständnis und Wut.
Wann holt der Fortschritt auch Provisionen ein?
Fortschritt lässt manchmal qualvoll lange auf sich warten. Auch Anfang 2026 dürfen sich Finanzvertriebe und Banken nach wie vor von Produktherstellern mit Provisionen schmieren lassen. Finanzprodukte mit jährlichen Kosten von 2 % bis 3 % sind weiterhin an der Tagesordnung. Und der Staat fördert Rentenversicherungen, bei denen Versicherte weit über 90 Jahre alt werden müssen, um ihr Geld unverzinst wieder zu sehen. Auch 2026 sind in der Finanz-„Beratung“ Interessenkonflikte der Regelfall, der Einfluss der Finanzlobby auf die Politik ungebrochen und die dadurch verursachten Schäden für das Volksvermögen immens.
Dennoch werden wir eines Tages zurückblicken. Wir werden ungläubig den Kopf schütteln und uns fragen, warum das damals (2025) noch möglich war, wer dafür verantwortlich war, warum sich nicht mehr Menschen gewehrt haben und so wenige das Offensichtliche gesehen haben: Provisionen sind die Pedoskope der Finanzindustrie.
Alles Liebe
Nikolaus Braun
P.S.: Am 19. März 2026 erscheint mein neues Buch Endlich gut mit Geld: Ein 12-wöchiger Kurs für Selbstentscheider, zu dem Sie schon jetzt mehr erfahren können. Ich freue mich jederzeit über Rückmeldungen zu diesem Blogbeitrag oder dem neuen Buch unter: nachdenken@neunundvierzig.com
Drei weitere Beiträge zu Provisionen und der Honorarberatung als Gegenmodell:
- Ein klassisches Beispiel, was bei provisionsgeleitetem Vertrieb herauskommt: Versicherungen mit gruseligem Rentenfaktor.
- Der Unterschied zwischen Honorarberatung und Provisionsvertrieb – zu den Risiken und Nebenwirkungen von Finanzrezepten.
- Und schließlich, warum Honorarberatung für mich weit mehr ist als ein faires Preismodell: Eine Haltung.
03/01/2026


